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Neid+Liebe
Die Neider sterben wohl, doch niemals stirbt der Neid (Moliere)

 
Hallo Community,

am kommenden Dienstag, den 19.04.05, 1500 Uhr, werde ich mit dem Thema "Neid und Konkurrenz in der Liebesbeziehung" Studiogast der WDR5-Sendung "Lebensart" sein.

http://www.wdr5.de/service/service_rat/457278.phtml

Vielleicht hört ihr ja mal rein...

Die Schwimmerin Franziska van Almsick und der Handballer Stefan Kretzschmar sind seit mehreren Jahren ein Liebespaar. Den einen gelten sie als Traumpaar des Sports, den anderen taugen sie als Beispiel, wie zwei Menschen in einer Beziehung gleichzeitig erfolgreich sein können – ohne sich dabei im Wege zu stehen. Dann überraschte der Handballer die Öffentlichkeit jedoch mit einem Bekenntnis: „Wenn ich mir nur das Sportliche ansehe, dann packt mich der blanke Neid“, sagte Kretzschmar in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ und spielte damit auf die beruflichen Leistungen seiner Partnerin an.

Der Handballer Kretzschmar neidisch auf die Schwimmerin van Almsick? Ein Liebender neidisch auf die geliebte Freundin? Für die meisten von uns ist es zunächst schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet in einer Liebesbeziehung neidische Gefühle entstehen sollten. Vielmehr sind wir davon überzeugt, dass wir als Liebende stets an das Wohl des anderen denken, füreinander da sind, gemeinsame Interessen verfolgen. Liebende ergänzen einander, wachsen miteinander, entwickeln sich. Die Liebe ist der Kitt, der alles verbindet. Konkurrierende Interessen gibt es nicht. Stattdessen teilt das Paar gemeinsame Ziele und ist motiviert, es sich und dem anderen möglichst gut gehen zu lassen.

Das hinter diesem Konzept stehende romantische Liebesideal machen wir bewusst oder unbewusst zur Grundlage unserer Partnerschaften. Aus dieser Perspektive scheint es unsinnig, Liebe und Neid in einem Atemzug zu nennen. Dennoch hat der Neid des Liebenden Kretzschmar einen ganz plausiblen Hintergrund: Van Almsick gewann schon mehrere Silber- und Bronzemedaillen bei Olympia. Kretzschmars Traum von einer Medaille blieb hingegen unerfüllt.

Was Kretzschmar widerfährt, ist ganz alltäglich. Immer wieder geraten wir in Situationen, in denen wir unsere eigene Situation mit der eines anderen Menschen vergleichen: So beneidet mancher Ehemann und Vater die Frau an seiner Seite wegen ihres vertrauten Verhältnisses zu den Kindern. Aber er vermag darüber nicht zu sprechen. Stattdessen verkleidet er seine Gefühle mit einem Satz wie diesen: „Musst du die Kinder immer in Schutz nehmen? Kein Wunder, dass sie zuerst zu dir kommen, wenn sie was ausgefressen haben.“

In einem anderen Fall kritisiert eine Frau ihren Freund im Wettstreit um den besseren Diäterfolg: „Du hast dir schon so viel weggejoggt. Jetzt könntest du wirklich mal wieder anfangen, normal zu essen.“ Sie neidet ihm die sichtbare Gewichtsabnahme, weil die Kur bei ihr nicht so schnell angeschlagen hat wie bei ihm. Obwohl also genau das eintritt, weshalb beide die Diät beschlossen haben, gelingt es ihr nicht, sich über die Fortschritte des Freundes zu freuen. Genauso wenig sieht sie sich in der Lage, statt über sein Gewicht über ihren Neid zu sprechen – denn dazu müsste sie ihn sich erst einmal selbst eingestehen.

Neid entsteht also, wenn wir etwas begehren, es nicht bekommen, aber ein anderer es bereits in seinem Besitz hat. Für das Gefühl Neid macht es zunächst keinen Unterschied, ob der Beneidete unser Partner, die beste Freundin oder ein Arbeitskollege ist. In der Liebesbeziehung allerdings sind das positive Liebesgefühl und das negative Neid-Gefühl auf ein und denselben Menschen gerichtet. Deswegen fällt es uns sehr schwer, uns zu unserem Neid zu bekennen – sowohl in unserer Selbstwahrnehmung als auch gegenüber dem geliebten Menschen. Kretzschmars öffentliches Eingeständnis ist mutig – und gleichzeitig ein Zeichen innerer Stärke.

Der Studentin Mandy fällt es im Gegensatz zu Kretzschmar schwer, sich einzugestehen, dass sie neidisch auf ihren Partner ist: Gemeinsam mit ihrem Freund Mike ist sie seit vier Semestern an einer Bauhochschule eingeschrieben. Sie und Mike haben sich während der Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen ineinander verliebt. Sie hat mit ihm Vokabeln gebüffelt, er hat mit ihr mathematische Formeln auseinander genommen. Sie haben es genossen, miteinander zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und bei den Prüfungen einander die Daumen zu drücken.

Ihr gemeinsames Interesse ist die Architektur. Deshalb bewerben sie sich an derselben Hochschule. Sie versprechen sich, füreinander einzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie wollen ihre Talente und Fähigkeiten zum beiderseitigen Vorteil gemeinsam nutzen. Was der eine nicht kann, soll der andere ergänzen.

Während der ersten Wochen des Studiums geraten Mandy und Mike erstmals an die Grenzen ihres Konzepts: Schnell stellt sich nämlich heraus, dass es Mike deutlich leichter fällt als Mandy, die allgemeinen Anforderungen zu erfüllen. Beispielsweise geht er sehr viel spielerischer mit Computern und Software um.

Entsprechend ihrem Beziehungsideal erwartet Mandy nun, dass Mike ihr hilft, genauso gut zu sein wie er. Mike versucht, was er kann, stellt aber fest, dass er dadurch einen Teil von Mandys Studium für sie übernimmt. So sehr er sie liebt, so viel zusätzliche Belastung mag er nicht einfach hinnehmen. Mike fühlt sich überfordert und Mandy fühlt sich zurück gesetzt und im Stich gelassen. Sie verdächtigt ihren Freund, sie abhängen zu wollen, um keine lästige Konkurrenz im eigenen Haus ertragen zu müssen. Sie ist enttäuscht von seiner mangelnden Hilfsbereitschaft – zumal er nach ihrer Ansicht gegen gemeinsame Abmachungen verstößt. Die Enttäuschung überlagert ihre neidischen Gefühle darauf, dass ihm alles scheinbar spielerisch gelingt, während sie sich unendlich quälen muss. Das böse N-Wort selbst kommt ihr allerdings nicht über die Lippen.

Mandy vergleicht sich mit Mike, denn beide verfolgen ein ähnliches Ziel: ein erfolgreiches Studium. Gerade die Einschätzung von Talenten, Fähigkeiten und Fertigkeiten hängt stark von Vergleichen mit Menschen ab, die sich mit Dingen beschäftigen, die uns selbst viel bedeuten. Doch warum vergleichen wir uns, wenn wir Gefahr laufen, dass der Vergleich zu unseren Ungunsten ausfällt?

Zu unseren Grundbedürfnissen gehört es, die eigene Situation, das eigene Befinden relativ zum Befinden eines anderen zu bewerten. Ein solcher sozialer Vergleich dient dazu, sich seiner selbst und der eigenen Stellung in der Welt zu vergewissern. Außerdem schafft der Vergleich Identität: Jemand ist anders als wir - oder ähnlich. Wir ähneln dem anderen - oder wir unterscheiden uns. Auf dieser Grundlage gelangen wir zu unserem Bild von uns selbst, in Abgrenzung von oder in Verbundenheit mit anderen.
Der Vergleich kann wie in Mandys Fall als beinharter Wettbewerb ausgefochten werden, mit Krisen und Krächen. Der Vergleich macht aber auch spielerischen Wetteifer möglich, der ein Paar anspornt und dafür sorgt, Schieflagen in anderen Bereichen wieder auszugleichen.

Davon erzählen Tine und Holger: Als Programmierer sitzen beide den ganzen Tag am Schreibtisch vor dem Bildschirm. Um dem Körper Abwechslung zu gönnen, fährt das Paar im Winter gern Ski. Auf den Brettern messen sich beide miteinander. Da Tine sich beruflich oft benachteiligt erlebt, freut sie sich darüber, beim Skifahren vorn zu liegen: „Siehst du, jetzt liegst du mal hinten!“, sagt sie in einem ihrer Winterurlaube mit Genugtuung. Und fügt dennoch hinzu: „Willst du nicht mal ein bisschen was dazulernen?“
„Nö. Mir reicht, was ich kann“, erwidert Holger gelassen und unbeirrt.

Dennoch beneidet er sie um ihre Art, Ski zu fahren. Er beobachtet sie bewundernd und wünscht sich innerlich das eine oder andere Mal, mit ihr mithalten zu können. Tine genießt es eine Zeit lang, einen Bereich zu haben, in dem sie die Nummer Eins ist. Dabei neckt sie ihn mit seinem mangelnden Ehrgeiz: „Wie kannst du dich nur mit so wenig zufrieden geben?“ Allerdings nutzt sie ihren Vorsprung nicht, um alte Zurücksetzungen zu vergelten. Vielmehr stört es sie irgendwann, dass der Mann an ihrer Seite so leicht als Wald- und Wiesenskifahrer erkennbar ist. Deswegen bietet sie ihm nach reiflicher Überlegung an, ihm das Skifahren richtig beizubringen.

Nach einigem Zögern geht er auf ihr Angebot ein. Und sie erweist sich als gute und faire Lehrerin. Sie versucht nicht, ihm unter die Nase zu reiben, was er alles nicht kann und wie unelegant er mit seinem Fahrstil aussieht. Stattdessen baut sie ihn auf. Sie lässt ihn an ihren Erfahrungen teilhaben. Holger lernt schnell. Er fängt Feuer und entwickelt unerwarteten Ehrgeiz. Er verbessert sich auf eine Weise, die Tine manchmal gar nicht recht ist. Doch sie bereut ihre Entscheidung nicht, ihm dazu verholfen zu haben, auf einem ihr ähnlichen Niveau Ski zu fahren.

Genauso wenig bereut Holger, sich schließlich doch von seiner Frau begeistert haben zu lassen. Tine fährt aufgrund ihrer längeren Erfahrung noch immer besser Ski. Sie braucht seine Konkurrenz also nicht zu fürchten. Holger ist nicht mehr neidisch auf seine Frau, denn ihm gelingt es nun nahezu problemlos, mit ihr mitzuhalten.

Tine und Holger gelingt es, die Konkurrenz und den Neid zu nutzen, sich als Paar weiter zu entwickeln. Gelingt es einem Paar nicht, den Kreislauf aus Neid, Missgunst und einer insgesamt feindseligen Atmosphäre zu durchbrechen, ist die Beziehung gefährdet. Irgendwann ist nämlich das eigene Befinden untrennbar mit dem Befinden desjenigen gekoppelt, mit dem wir uns vergleichen: Dann geht es dem einen unweigerlich schlecht, wenn es dem anderen gut geht.

Die Beziehung von Heike und Reimund steht als Beispiel für diese Zuspitzung. Anfänglich bewundert er ihren Job als Wertpapierhändlerin. Er interessiert sich für ihre Arbeit und ist neugierig darauf zu erfahren, wie sie mit den Risiken klar kommt, die unweigerlich mit dem Handeln von Aktien einhergehen. Umgekehrt fasziniert Heike an ihm, dass er zu jenen Männern gehört, die sich auch für die emotionalen Belange ihrer Partnerin interessieren – von dieser Sorte hatte sie bis dahin noch nicht so viele getroffen. Und diesen Vorzug genießt sie sehr. So öffnet sie sich ihm und offenbart ihm auch ihre Zweifel, ob sie denn überhaupt in der richtigen Branche arbeite. Anfänglich unterstützt er sie. Nach einigen Wochen bringt er seine Anerkennung immer seltener zum Ausdruck, zumindest auf der beruflichen Ebene. Weiterhin betont er aber immer wieder, wie attraktiv sie als Frau für ihn als Mann sei. Heike empfindet dies zunehmend als versteckte Abwertung beziehungsweise als Reduktion auf ihr Äußeres.

Worauf Raimund anfangs mit Neugier reagiert hat, wertet er mit einem Mal ab. Die beiden verwickeln sich in Auseinandersetzungen über das Wirtschaftssystem und Raimund unterstellt Heike eine Rolle als Profiteurin der wirtschaftlichen Ordnung. Zu dieser Zeit scheitert Reimund zwei Mal damit, sich selbstständig zu machen. Angesichts seiner Misserfolge verändert er sich zusehends und richtet seine Unzufriedenheit verstärkt auf seine Partnerin. In den Disputen über das Wirtschaftssystem lobt er sich selbst: Zum Glück sei er nicht wie sie mitverantwortlich für Ausbeutung und Armut und Sozialabbau. Seine Veränderung geht nicht spurlos an Heike vorüber: Sie wählt plötzlich aus, was sie ihm erzählt. Obwohl sie hin und wieder euphorisch von der Arbeit zurückkehrt, vermeidet sie es immer öfter, ihre guten Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Sie liebt ihre Arbeit, übernimmt gern Verantwortung und mag ihre Kollegen – aber ihrem Freund gegenüber äußert sie sich darüber nur noch verhalten – wenn überhaupt.

Reimund muss zusehen, wie sie an seiner Seite davon zieht – und reagiert zunehmend verstimmt und aggressiv. Ihr anfänglich bewunderter Erfolg wird zum Spiegel, in den er blickt, um seine eigene Erfolglosigkeit zu entdecken. Eines Abends räumt er in einem seit langem offenen Gespräch ein, sich als Mann total entwertet zu fühlen. Es gelingt ihm nicht, sich über ihren Erfolg zu freuen. Vielmehr wird ihm dadurch die eigene Unzufriedenheit noch deutlicher – und dass er ihr den beruflichen Erfolg missgönnt bzw. eben schlecht redet, weil er selbst beruflich scheitert.

Vergleiche zwischen Männern und Frauen wie bei Heike und Reimund oder bei Tine und Holger sind ein Phänomen moderner Lebenswirklichkeiten. Konkurrierende Interessen zwischen Liebespartnern waren vor rund 200 Jahren, als das romantische Liebesideal entstand, kaum denkbar. Männer und Frauen lebten in voneinander getrennten Welten. Konflikte um Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten gab es so gut wie keine. Nicht nur, dass Frauen gar nicht studieren durften. In der Welt der bürgerlichen Ehe, die sich damals gerade als gesellschaftliches Modell zu etablieren begann, wurden beiden Geschlechtern streng getrennte Aufgabenbereiche zugewiesen: Sie versorgte die Kinder, organisierte den Haushalt und stellte dort das her, was die Familie täglich brauchte. Er kümmerte sich um sein Geschäft, ein Handwerk, ein Handelsunternehmen oder er verdingte sich als Lohnarbeiter. Konkurrenz zwischen den Geschlechtern war kein Thema. Als zu verschieden galten Frau und Mann. Die Unterordnung der Frau unter den Mann wurde als völlig natürlich betrachtet und auch von den meisten Frauen als gegeben akzeptiert.

Vor allem in den letzten vier Jahrzehnten haben sich die Paarbeziehungen mit großer Dynamik verändert. Neue Lebens- und Liebesformen setzten sich seitdem durch. Im Zuge des geschlechterpolitischen Umbruchs verwischten viele der so genannten „natürlichen“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Althergebrachte Rollenvorstellungen wurden hinterfragt. Bis dahin wohl erprobte Beziehungsgleichgewichte gerieten durcheinander.
Plötzlich ergänzen Männer und Frauen sich nicht mehr nur, sondern wetteifern um dieselben (knappen) Ressourcen: den beruflichen Erfolg, das Einkommen, die Freizeit, die Aufmerksamkeit im sozialen Umfeld, das Vertrauen der Kinder. Die Konkurrenzsituation sorgt zunächst auch für Unsicherheit. Gerade Männern scheint häufig noch unklar, wie sie mit den neuen Ansprüchen der Frauen umgehen sollen. In dem Maße wie sich das weibliche Selbstverständnis veränderte, entstand eine neue Geschlechterrivalität.

Doch nicht nur die Geschlechterverhältnisse haben sich weiter entwickelt. Auch die Erwartungen an das Leben, die Bedürfnisse und Sehnsüchte haben sich ausdifferenziert: Als selbstverantwortliche Individuen entwerfen Männer und Frauen heute zunächst Lebens- und Zukunftspläne für das eigene Fortkommen. In diese Entwürfe gehen bevorzugt die Optionen ein, die unseren Sehnsüchten und unseren Möglichkeiten nahe kommen: Schulbildung, berufliche Ausbildung oder Studium, Sammeln von Welterfahrung, Reisen, Kinder nicht vor 30, erst einmal das Leben genießen...

Lassen wir uns dann bei passender Gelegenheit auf eine Liebesbeziehung ein, müssen wir aus dieser gut eingerichteten Selbstsicht in die Beziehungsperspektive wechseln. Dort gemeinsam mit dem geliebten Menschen einen Beziehungsentwurf zu entwickeln, erweist sich häufig als schwieriger als wir vorher erwartet haben. Deswegen passiert es nicht selten, dass wir uns zwar in einer Beziehung sehen, aber dennoch nur den eigenen Lebensentwurf verfolgen – häufig in Konkurrenz mit unserem Partner und folglich neidisch, wenn der Partner seinen Lebensentwurf scheinbar besser verwirklicht als wir den unsrigen.

Den Neid, der aus dem Vergleich mit dem Partner resultiert, blenden wir gern aus. Dabei hilft uns der romantisierende Blick auf unsere Zweisamkeit, der durch solche Ungereimtheiten nicht getrübt werden soll. Alles, was dem Ideal des verschmolzenen Paares widerspricht, wollen wir möglichst nicht wahrnehmen. Mit dem Neid einhergehende Disharmonie und feindselige Gefühle zögen Irritationen nach sich und schafften unerträglichen Abstand zwischen den Liebenden. Um den Konflikt nicht austragen zu müssen, betonen wir das romantische „Wir“ gegenüber dem autonomen „Ich“. Deswegen vermeiden wir möglichst, den Neid und die damit verbundenen Gefühle der Zurücksetzung und der Scham zu thematisieren.

Den Neid nicht anzusprechen ist auch noch einer anderen Erkenntnis geschuldet: Wenn ein Vergleich zu den eigenen Ungunsten ausfällt und der aufkommende Neid auf einen Mangel zurückzuführen ist, hilft in der Regel auch das Gespräch nicht, diesen Mangel zu beheben. Wer sich nicht attraktiv findet oder eher zurückhaltender Natur ist, ändert daran nichts, wenn er darüber redet, der Partner ihn attraktiv findet bzw. dazu auffordert, stärker aus sich heraus zu gehen. Ein Gespräch kann sogar das Gegenteil bewirken, weil es eventuell Verletzungen aktualisiert, denen wir uns nicht fortwährend aussetzen wollen.

Um uns jedoch von unserem Neid auf den Liebespartner nicht beherrschen zu lassen, ist es gleichwohl sinnvoll, offensiv mit der eigenen Befindlichkeit umzugehen. Spornt der Neid uns an, unsere Leistung zu verbessern, so wie Holger mit Hilfe seiner Frau seine Skifahrkünste ausbaute? Nehmen wir den Neid als Hinweis darauf, welches unser Bedürfnisse innerhalb der Beziehung zu kurz kommt? Oder macht uns der Neid nachdenklich hinsichtlich unserer Ziele und Wünsche? Der Neid, den wir spüren, kann hilfreich sein, von manchen Begehrlichkeiten Abschied zu nehmen. Er kann helfen zu erkennen, dass sich manches im Leben eben nicht erreichen lässt. Als Neid besänftigend erweist sich auch, die Vergleichsdimension zu wechseln: Ein Mann, der seiner Frau das vertrauensvolle Verhältnis zum Kind neidet, tut gut daran, sein eigenes, von der Frau unabhängiges vertrauensvolles Verhältnis mit dem Kind aufzubauen. Dann lässt sich auch die Verschiedenheit besser aushalten.

Damit wir in Liebesbeziehungen spielerisch miteinander wetteifern können, sollten wir die Konkurrenz nicht voreinander verstecken: Nicht die Tatsache, dass wir uns miteinander vergleichen und miteinander konkurrieren, schürt das Misstrauen. Wir misstrauen uns erst, wenn wir uns heimlich vergleichen, wenn wir im Verborgenen bilanzieren und wenn das Gefühl aufkeimt, der andere wolle uns übervorteilen.

Nicht der Vergleich ist schlecht und auch nicht der daraus resultierende Neid, sondern die Art und Weise, wie wir den Ausgang des Vergleichs für uns interpretieren. Offenbar ist es um unserer Selbsterhaltung und unseres Selbstwerts willen kaum möglich, einen Vergleich zu unseren Ungunsten nicht persönlich zu nehmen. Dem können wir eine positive Wendung geben, wenn der Neid uns anspornt und dazu anregt, uns verändern. Darüber hinaus lassen sich aus unseren neidischen Gefühlen weitere wichtige Erkenntnisse ableiten, denn der Neid

• gibt wichtige Hinweise darauf, wohin wir uns gern entwickeln möchten;
• macht deutlich, dass wir auch in einer Partnerschaft autonome Wesen sind;
• erinnert uns an eigene Bedürfnisse;
• zwingt uns, die Frage zu beantworten, was wir wirklich wollen.

Gelingt es uns wie Tine und Holger, die positiv-herausfordernde Seite des Neids in den Mittelpunkt zu rücken, stehen für beide Partner alle Möglichkeiten offen, aneinander zu wachsen. Nur der unerkannte, unbenannte, verborgene Neid gefährdet den Zusammenhalt. Nur jener Neid, der uns feindselig auf unseren Partner reagieren lässt, ohne dass wir bereit sind, dafür die Verantwortung zu übernehmen, bedroht unsere Partnerschaft – so wie Heike sich von Reimund getrennt hat, als sie sich immer weiter in die Enge getrieben sah. Offen ausgetragene Konkurrenz belebt die Liebe – so wie Mandy und Mike einander wieder näher kamen, nachdem Mandy anfing, Mike nicht länger für die Lösung ihrer Probleme verantwortlich zu machen.

Neid in unseren Liebesbeziehungen fordert uns heraus, nichts unversucht zu lassen, sich selbst zu verbessern und sich weiter zu entwickeln. Dem Handballer Stefan Kretzschmar ist dieser Schritt gelungen: Mit seiner maßgeblichen Beteiligung gewann die deutsche Nationalmannschaft bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen die Silbermedaille.

In einem Interview mit der FAZ spekuliert die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, ob es Neid sein könnte, der den Bundestrainer Helmut Kraus veranlasst, sich dem Gespräch mit der erfolgreichen Frau aus dem Osten zu verweigern.

"Ein Wegweiser für alle, die in einer Liebesbeziehung leben, mehr über sich als Paar erfahren und miteinander wachsen wollen."
Ostwestfalen-Lippe am Sonntag, 19.12.2004

"Ein ziemlich kluges Buch!"
Freundin, 24/04, 27.10.2004

"Auch Lebenspartner dürfen aufeinander neidisch sein - wenn sie ein paar Regeln beachten."
HÖRZU, 38/04, 10.09.2004

Das Buch mit dem gleichnamigen Titel (Autor: Rolf Haubl, Verlag: C.H. Beck, 2001) gibt einen sehr umfassenden Überblick über die Kulturgeschichte einer Todsünde, die Masken, in denen der Neid auftritt und die psychischen Mechanismen, die dazu führen, dass wir Neid empfinden.

Der Untertitel des Buches gibt die Richtung vor: "Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein." Wer also dafür sorgt, zufriedener mit sich zu werden, braucht auch die eigenen Neidschübe nicht zu fürchten.

Thomas Zimmermann (zettmann.de)

Dipl.-Psychologe, Autor und Berater - wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin (IfA), Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte:

- Früherkennung demenzieller Erkrankungen in der hausärztlichen Versorgung
- Gesundheitssystem
- Systematische Übersichtverfahren
- Entwicklung von Ratgeberstoffen zu den Themen: Arbeit, Kommunikation, Liebe und Partnerschaft

Weil es gesellschaftlich so verachtet ist und wir uns deswegen nicht trauen, es der Öffentlichkeit mitzuteilen, ist der Neider doppelt gestraft: Nicht nur befällt ihn ein unangenehmes, feindseliges Gefühl, es darf auch möglichst nicht nach draußen dringen.

Der Neider bleibt allein. Der Neid ist also eines der wenigen Gefühle, dem man nicht Luft machen darf. Deswegen sucht sich der Neid andere Ventile: Er tritt auf als Wut, Zorn, Schadenfreude, Zynismus, manchmal auch im Gewand der Rache.

Jeder Mensch kennt das Gefühl, neidisch zu sein: Ein anderer genießt einen Vorteil, Erfolg oder Gewinn, den wir selbst gern verbucht hätten. Besonders schwierig wird es, wenn der Beneidete der eigene Partner ist, denn Neid und Liebe scheinen sich auszuschließen. Kaum ein Paar sieht sich gern mit diesem Gefühl konfrontiert. Die Konkurrenz unter Liebenden gehört zu den letzten kommunikativen Tabus in Partnerschaften.

Ich plädiere dafür, sich des Neides nicht zu schämen, sondern ihn offen einzugestehen und eventuell gemeinsam nach Alternativen zu suchen, wie das Gefühl von Benachteiligung und Zurücksetzung verringert werden kann.

Buchcover

Im Herbst 2004 erschien im mvg Verlag mein Ratgeber: "Schön für dich - Neid und Konkurrenz in der Liebesbeziehung."

Dieses Blog soll eine Plattform bieten, um über Neid allgemein zu sprechen - aber auch jenen zum Erfahrungsaustausch dienen, denen das Phänomen in der Partnerschaft widerfährt oder früher begegnet ist.

Hallo Community,

ich habe in den vergangen anderthalb Jahren ein Thema recherchiert, das zunächst ziemlich abseitig klingt: Konkurrenz oder gar Neid zwischen Menschen, die sich lieben? Kann es so etwas geben?

Viele Leute reagieren erstmal verständnislos, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es in ihrer Beziehung zu solchen Gefühlen kommt. Wenn ich aber anfange, ein paar Beispiele zu schildern, können sich alle etwas darunter vorstellen:

- Beide arbeiten, einer/eine wird arbeitslos - daraus kann Neid entstehen, im Zweifelsfall von beiden Seiten. Einer neidet dem anderen die viele freie Zeit. Oder einer neidet dem anderen den Job.

- Beide arbeiten im selben Bereich. Einer/eine bekomme eine Lohnungerhöhung - Anlass für Neid.

- Sie bekommt ein Kind. Er muss das Geld ranschaffen: Sie neidet ihm, dass er weiter arbeiten kann. Er neidet ihr die viel nähere Beziehung zum gemeinsamen Kind.

Alle Situationen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Neider etwas begehren, das der Beneidete bereits hat.
Kennt Ihr diese oder ähnliche Situationen aus eigener Erfahrung - in euren Liebesbeziehungen? Ist jemand bereit, seine Erfahrungen zu diskutieren?

Jeder Mensch kennt das Gefühl, neidisch zu sein: Ein anderer genießt einen Vorteil, Erfolg oder Gewinn, den wir selbst gern verbucht hätten.

Wenn ein solcher Vergleich zu unseren Ungunsten endet, fühlen wir uns schlecht, als Verlierer und Versagen. Wir schämen uns unserer Kleinheit und unserer Minderwertigkeit.

Ist der Neid-Anlass beeinflussbar, könnten wir uns anstrengen, um bei nächsten Mal besser abzuschneiden. Ist der Grund für unseren Neid nicht zu beeinflussen, müssen wir uns eine andere Strategie überlegen, auf unseren Neid zu reagieren: Wir müssen uns eine andere Vergleichdimension suchen.

Es fällt uns nicht leicht, uns einzugestehen, dass wir neidisch sind - weder uns selbst gegenüber, geschweige denn anderen. Wenn der andere dann der Mensch ist, den wir lieben, sehen wir uns endgültig in die Enge getrieben. Dürfen wir neidisch sein auf den geliebten Menschen?

Ich behaupte ja, wir dürfen. Besser neidisch auf den anderen als ihm oder ihr heimlich zu grollen, auf den nächsten Fehltritt zu warten und uns daran zu freuen. Wenn wir nämlich unsere zunächst feindseligen Gefühle verdrängen, kehren sie in verschlüsselter Form zurück: als versteckte Kritik und Abwertung, Nörgelei. Wir brechen Streit vom Zaun um Beruf und Kind und die Familie, aber wir wissen nicht so recht, warum eigentlich. Wir eröffnen Stellvertreter-Scharmützel, nur um uns den Neid nicht eingestehen zu müssen.

Das lähmt und schädigt die Beziehung mehr als der Neid - aus dem sich konstruktiv was machen lässt.
Doch dazu später mehr.

Neid beruht auf einem sozialen Vergleich, der uns von Kindesbeinen an begleitet. Wenn wir uns mit anderen vergleichen können wir Unterschiede erkennen und bewerten. Dieser Prozess bildet unsere Identität. Er hilft uns, Grenzen zu anderen zu ziehen, damit wir uns zu eigenständigen Wesen entwickeln.

Ein solcher Vergleich kann in manchen Momenten durchaus zu unseren Ungunsten ausgehen. Wir begehren etwas oder sehen etwas in den Händen unseres Mitmenschen, sehen dass wir zu kurz kommen, und reagieren neidisch. Das kann sich auch auf den Partner oder die Partnerin beziehen.

So unangenehm und verpönt der Neid ist, er ist nicht wegzudenken, geschweige denn wegzuwünschen...

Neid erinnert an eigene Bedürfnisse, macht darauf aufmerksam, bei welchen Gelegenheiten wir stärker an uns selbst denken sollten. Der Neid gibt also wichtige Hinweise darauf, wie es um uns und unser seelisches Gleichgewicht bestellt ist.

Deswegen sollte sich keiner kirre machen lassen, wenn einer mit dem Argument "Du bist ja nur neidisch" versucht, einen berechtigten Anspruch abzubügeln. Vielmehr sollten wir darauf hören, was uns der Neid zu sagen hat - und welche Möglichkeiten wir entwickeln können, unsere Bedürfnisse zu befriedigen - ohne der missgünstigen Seite des Neides zu verfallen: Nur weil ich es nicht kriegen kann, soll der andere es auch nicht haben.

Wer mehr Fragen zum Neid hat, möge sie stellen! Hier ist das Forum!

 

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